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domradio.de im Gespräch mit Diakon Thomas Huneke

"Ich wünsche mir mehr Mut und weniger Strukturen"

 

Diakon Thomas Huneke in St. Pius WiedenbrückDRDOMRADIO.DE: Wir stehen hier in der Kirche Sankt Pius in Wiedenbrück und dies, Herr Huneke, ist ihre Heimatkirche. Hat denn Heimat für Sie eine besondere Bedeutung?

Diakon Thomas Huneke (St. Pius, Wiedenbrück): Heimatkirche ist gut. Eigentlich sind wir hier als Wiedenbrücker nur Zugereiste. Seit gut 38 Jahren wohne ich hier in Rheda-Wiedenbrück. Die Kirche war immer schon meine Heimat. Aber seit 38 Jahren ist diese Kirche ganz besonders meine Heimat.

DOMRADIO.DE: Was lieben Sie an dieser Kirche? Was ist Heimat?

Huneke: Heimat ist da, wo man sich geborgen fühlt, wo man Freunde hat, wo man Beziehungen hat. Und die habe ich hier, in dieser Kirchengemeinde und in dieser Kirche.

Ich liebe an dieser Kirche vor allen Dingen, dass sie genauso alt ist wie ich. Wenn man sich den Grundstein dieser Kirche anguckt, dann wird man mein Geburtsdatum erkennen. Ich hoffe allerdings, dass diese Kirche deutlich älter wird, als mir es vergönnt sein wird. Auch das sind ja Realitäten, die wir heute haben, dass Kirchen manchmal nicht mehr Hunderte von Jahren alt werden.

Ich liebe an dieser Kirche vor allen Dingen, wenn man sich so ein bisschen umguckt, dass sie modern ist, dass sie schlicht ist und trotzdem farbenfreudig. Wenn ich gerade zum Beispiel an die Fenster, die wir über dem Altarraum, über der Apsis haben, denke: Die vielen Heiligenfiguren strahlen besonders schön, wenn die Sonne hier hereinscheint.

Ich erinnere mich daran als unsere Kinder noch klein waren, die alle hier getauft worden sind, zur Kommunion gegangen sind, gefilmt worden sind, hier Messdiener gewesen sind, haben wir hier gesessen. Und wenn die Predigt manchmal nicht so interessant war, haben wir heimlich und leise über diese Heiligenfiguren und deren Geschichten gesprochen.

Es sind also ganz viele positive Erinnerungen, die mein Herz höherschlagen lassen und warm werden lassen, wenn ich hier in dieser Kirche bin.

DOMRADIO.DE: Jetzt sind Sie als Diakon jemand, der auch selber hier aktiv sein kann. Wie ist das, wenn man nicht nur als Gläubiger in einer Bank sitzt, sondern vorne vom Altar aus das Ganze betrachtet?

Huneke: Ich sage häufig auch bei einer Taufe: Wir sind an verschiedenen Orten der Kirche, und es ist, glaube ich, gut, manchmal die Orte zu wechseln, weil ein Ortswechsel auch bedeutet, dass ich meine Perspektive ändere. Wenn ich mich ganz hinten in die Kirche setze oder kniee, ist das ein völlig anderes Bild.

Also, wenn ich da oben bin und - ich muss es zugeben - heimlich auch mal zwischendurch "scanne", wer denn so alles da ist und man in die vertrauten Gesichter guckt, dann fühle mich nicht abgehoben da vorne, sondern ich fühle mich zugehörig zu der Gemeinde. Wir feiern hier den Gottesdienst gemeinsam.

Es ist schon ein bisschen Distanz da, aber ich versuche, das innerlich gar nicht aufkommen zu lassen.

DOMRADIO.DE: Jetzt ist Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit gegenwärtig in schwerem Fahrwasser. Viele Leute kommen nicht mehr. Auch die Sonntagsgottesdienste in Sankt Pius werden leerer. Wie sehen Sie das?

Huneke: Das finde ich auch sehr bedauerlich. Wir versuchen natürlich immer wieder, mit neuen Modellen Menschen zu begeistern.

Unsere Kirchengemeinde ist vor allen Dingen dafür bekannt, dass es viele junge Familien gibt, viele Menschen, die sich auch ehrenamtlich betätigen. Insofern versuchen wir auch experimentell, andere Gottesdienste für Kleinkinder und für verschiedene Gruppierungen zu machen.

Natürlich bedrückt mich das, wenn die Kirche nicht mehr so voll ist. Wir erleben es jetzt gerade in der Corona-Krise und haben gedacht, dass wir nach der Aufhebung der Gottesdienstverbote mehr Gottesdienste anbieten müssen. Aber es ist gar nicht so, sondern die Rückläufe, die jetzt so kommen, sind eher bescheiden. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ob die Leute mehr Distanz zur Kirche finden, ob sie sich anders gruppieren wollen? Natürlich bewegen uns die Missbrauchsgeschichten, die gewesen sind, immer noch.

Mich persönlich bewegt noch ganz besonders die Gerechtigkeit der Geschlechterfrage, was ja auch hier unsere Frauengemeinschaften bewegt. Auch das sind alles Dinge, die im Moment im Umbruch sind und wo wir uns neu aufstellen müssen, um zu gucken, wie wir wieder an die Menschen rankommen. Wie kommen die Leute wieder an uns ran? Wie können wir eigentlich miteinander Gottesdienst feiern? Vielleicht nicht nur in der typischen Eucharistiefeier, sondern in vielen ganz anderen Formen, die hier, Gott sei Dank, in der Kirche, im Jugendhaus, im Gemeindehaus möglich sind.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, die Kirche muss sich neu aufstellen. Was wünschen Sie sich dann von Ihrer Kirche?

Huneke: Weniger Strukturen, mehr Mut. Wir haben hier in unserem pastoralen Verbund den pastoralen Weg eingeschlagen. Wir haben das Zukunftsbild der Kirche in Paderborn.

Ich erlebe aber doch immer, dass es Ängstlichkeit gibt. Es wird ganz viel ermöglicht und wenn man es tatsächlich machen will, dann stößt man doch wieder an Grenzen. Dann gibt es Bedenken: "Das haben wir so nicht gemeint." Da wünsche ich mir einfach mehr Mut und weniger Strukturen, weniger Hierarchien.

Ich bin ja als ständiger Diakon Teil der Gemeinde, Teil des pastoralen Teams, so ein - ich will nicht sagen Pontifex - aber ein Brückenbauer zwischen den beiden. Ich finde viel mehr Nähe zwischen den Seelsorgern und der Gemeinde sollte es geben, viel mehr Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren, miteinander Kirche und Gott zu entdecken.

DOMRADIO.DE: Was wünschen Sie sich ganz konkret für sich persönlich?

Huneke: Ich bin im Moment ganz glücklich mit vier Kindern und drei Enkelkindern - und zwei sind unterwegs – und wünsche mir, dass das alles gut geht. Ich freue mich auf die Zukunft, die vor mir liegt, und ich hoffe, dass wir noch ganz viele Dinge gestalten können.

Das Interview führte Ingo Brüpggenjürgen.

(DR)