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Warum es wichtig ist, zu vergeben

Impuls zur Fastenzeit von Regens Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer

„Vergebung heit fr mich, bereit sein, geschehenes Unrecht nicht im Raum stehen zu lassen, sondern auch von Herzen zu verzeihen. Auch wenn es lnger dauert, bis ich den entscheidenden Schritt setzen kann“, sagt Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer. Moritz kam neulich stolz von der Schule nach Hause. Er wurde zum Klassensprecher gewhlt. „Toll“, sagte ich und freute mich mit ihm. Doch die Wochen vergingen und Moritz wirkte immer frustrierter: Fast tglich, meinte er, sei er damit beschftigt, die Streitereien zwischen seinen Mitschlern zu schlichten. Er merkte, dass die Aufgabe als Klassensprecher gar nicht so einfach ist. An einem Tag eskalierte es dann vllig, als er wieder einmal versuchte, eine Situation friedlich zu klren. „Du bist doof. Ich hasse dich“, beschimpfte ihn ein Junge. Und als er dann auch noch begann, sich mit seinem Bruder um das abendliche Fernsehprogramm zu streiten, war der Tag gelaufen.

Vor dem Schlafengehen schlug ich den beiden vor, das Vaterunser zu beten. Aber Moritz wollte nicht mitbeten. Er wrde schlielich wissen, warum ich genau dieses Gebet ausgesucht habe. „Wegen dem Verzeihen. Das will ich aber nicht“, sagte er mir wtend und knallte seine Zimmertr hinter sich zu. Das machte es natrlich nicht besser.

Verzeihen als Herzensangelegenheit

Aber Moritz hatte im Grunde genommen Recht. Das mit dem Verzeihen ist eine groe Herausforderung und nicht zuletzt auch eine Herzensangelegenheit. Sowohl fr Kinder als auch fr Erwachsene. Denn wir alle erfahren im Laufe des Lebens Enttuschungen und Unrecht. Die entscheidenden Fragen sind: Wie gehe ich mit Verletzungen um? Wie funktioniert Vergebung? Wie reagiere ich, wenn ich mich selbst schuldig gemacht habe?

„Schuld wird heutzutage oft plausibilisiert. Die eigene Verantwortung wird dann ausgeblendet. Da brechen Menschen beispielsweise den Kontakt zu ihren Eltern, Groeltern, Ehepartnern oder Freunden ab. Oft wird hier eine Reihe von Grnden vorgeschoben, und Schuld seien dann oft der oder die andere oder eben die Verhltnisse“, sagt Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer, Regens des Erzbischflichen Priesterseminars Paderborn. Ob fehlende Aufmerksamkeit, Missverstndnisse oder eine falsche Erziehung, viele der angegebenen Grnde seien meist gar nicht zutreffend, wrden jedenfalls zu kurz greifen. Denn die Frage, ob man selbst auch einen Anteil Schuld daran trge, wrde oft gar nicht erst gestellt.

ber den eigenen Schatten springen

Doch dort, wo Menschen zusammentreffen, gehren Konflikte eben dazu. Oft erwischen wir uns dabei, dass wir die Situation zwar bereinigen wollen, dem oder der Anderen verzeihen wollen, aber wir spren auch: Unsere Gefhle hinken hinterher. Wir sind noch verrgert, unser Stolz ist verletzt, die Wunden sind noch nicht verheilt. Der Prozess des Vergebens stellt hohe Ansprche an uns selbst und setzt Groherzigkeit voraus.

Vergebung bedeutet nicht, alles unter den Teppich zu kehren oder eine Schublade zu schlieen, blo, weil uns gewisse Konfrontationen gerade nicht in den Kram passen und wir unsere Ruhe haben wollen. Wie leicht ist dann der Gedanke, wie Moritz lieber die Augen vor dem Scherbenhaufen zu verschlieen – beziehungsweise die Tr davor zuknallen – anstatt ber den eigenen Schatten zu springen und Vergebung zu wagen.

„Vergebung ist kein Automatismus“

„Moses und der brennende Dornbusch“ (1966) von Marc Chagall Es ist nicht leicht, aber Vershnung kann man einben. „Ich verzeihe dir“ – ein Satz, der eigentlich leicht auszusprechen ist wird nun zu einer groen Herausforderung. Selbst wenn es nicht immer gleich von Herzen kommt, ist es dennoch ein kleiner Versuch, dass das Vergeben vom Mund mit der Zeit ins Herz wandern kann. „Vergebung heit fr mich, bereit sein, geschehenes Unrecht nicht im Raum stehen zu lassen, sondern auch von Herzen zu verzeihen. Auch wenn es lnger dauert, bis ich den entscheidenden Schritt setzen kann“, sagt Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer.

Und wer selbst vergeben lernt, heilt damit auch seine eigenen Wunden. Er wandelt sie in neue Lebensmglichkeiten. Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer sieht den Prozess des Vergebens in mehreren Schritten: „Vergebung ist kein Automatismus. Vieles ist leicht daher geredet. Folgende Schritte knnen beim Verzeihen helfen: Erstens, ein Nachspren mit der Frage: Was ist da eigentlich mit mir geschehen? Zweitens, versuchen, mit dem Gefhl der Schuld umzugehen und drittens, den Schuldigen benennen und reflektieren, ob ich ihr oder ihm jetzt berhaupt verzeihen kann. Vielleicht braucht es manchmal einfach Zeit, bis ich so weit bin zu vergeben. Es gibt schlielich keinen Anspruch auf Vergebung. Und sie ist erst recht kein Automatismus.“

Vergebung als Vertrauensvorschuss

Vergebung ist wichtig fr unser eigenes Wohlbefinden. Der Theologe Lewis Benedictus Smedes bemerkte dazu: „Zu vergeben bedeutet einen Gefangenen freizulassen und zu erkennen, dass dieser Gefangene du selbst warst“. Die Seele aufzurumen tut gut, auch wenn wir uns nicht stndig selbst den Spiegel vor Augen halten wollen. Wie schnell sind wir innerlich „berschuldet“ und verdrngen die eigenen Fehltritte. Diese ziehen sich dann wie ein roter Faden quer durch unseren Alltag und wandern gewissermaen in das Untergeschoss unserer Seele. Ob in Trumen oder in unverstndlichen Reaktionen und versteckten Aggressionen – sie machen sich bemerkbar, auch in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Als Christen sind wir zudem der berzeugung: Schuld trennt uns nicht nur voneinander, wir entfernen uns jedes Mal, wenn wir schuldig werden, auch ein Stck weit von Gott. Sich bei seinen Mitmenschen zu entschuldigen, das ist schon schwer genug. Aber sich bei Gott zu entschuldigen – ist das berhaupt notwendig geschweige denn zeitgem? Fllt ein Schuldbekenntnis in der Beichte heutzutage nicht vllig aus dem Rahmen?

Wir erleben Schuld zweifellos als etwas, was uns von unseren Mitmenschen trennt und Schaden anrichtet. Fr glubige Menschen in biblischer Zeit war es in der Konsequenz selbstverstndlich, dass uns Schuld auch von Gott trennt. „In den biblischen Bchern finden wir immer wieder Texte, zum Beispiel in den Psalmen, in denen der Mensch Gott um Verzeihung bittet, weil er durch seine Taten das Vertrauensverhltnis zu Gott aufs Spiel gesetzt hat“, sagt Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer.

Vershnung als Sakrament

Fr Katholiken kommt hier zustzlich das Sakrament der Vershnung mit ins Spiel: Gott ffnet im Busakrament seine Arme fr uns und schenkt uns eine Art „Vertrauensvorschuss“ – so wie der barmherzige Vater im Gleichnis des Lukasevangeliums dem verlorenen Sohn entgegentritt und zu Verzeihen bereit ist (Lk 15,11-32 ). Selbst wenn er wei, dass es erneut zu Fehlverhalten kommen kann. Und Gott stellt dann keine Fragen. Er kennt uns, so wie wir sind und er wei um uns.

Die Beichte ist deshalb ein Geschenk Gottes, ein wirksames Zeichen seiner Groherzigkeit, das wir empfangen knnen, wenn wir uns schuldig gemacht haben – und sie ist deshalb ein Ort, an dem wir Gott nher kommen. Hier entldt sich unsere Schuld auf wunderbare Weise. Wenn wir Gott um Vergebung bitten, heilt dies unsere Beziehung zu Gott und dann auch zu unseren Mitmenschen, aber auch Verletzungen in uns selbst.

Das Busakrament in der Fastenzeit – „ein Frhjahrsputz fr die Seele“

Dabei spielt die Zeitspanne, in der wir uns auf Ostern vorbereiten, eine wichtige Rolle, sagt Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer: „Die Fastenzeit eignet sich dafr als intensive geistliche Vorbereitungszeit, in der wir auf das sterliche Geheimnis zugehen. Denn im Kreuze Jesu erfahren wir Christen die Vergebung unserer Schuld. Insbesondere im Hinblick auf das Osterfest sehe ich die Beichte als eine Art von Frhjahrsputz fr die Seele, jedenfalls als eine Gelegenheit, mich vom Ballast meiner Schuld befreien zu lassen: von Gott her.“

Bei Moritz hat es jedenfalls noch etwas gedauert, bis er seinem Mitschler vergeben konnte. Als er ein paar Tage spter von der Schule nach Hause kam erzhlte er, dass er sich bei ihm entschuldigt und auch er ihm verziehen habe. Seitdem hat sich sogar eine gute Freundschaft zwischen den beiden entwickelt.